Tagesmütter gering geschätzt.

Sonntag morgen. Jemand postet einen Zeitungsartikel innerhalb einer Tagesmuttergruppe auf Facebook. Die Aufregung ist gross. Verständlich, denn die Tagesmütter werden in diesem Artikel gering geschätzt.

Zeitungsartikel 19. März 2015 Kopie

Kein Interesse an Tagespflegepersonen?
Ganz besonders gross ist die Aufregung bei diesem Artikel über den kurzen Beitrag unter dem Titel „Kein besonders großes Interesse an Tagespflegepersonen.“ Ist es tatsächlich so, dass die Gesellschaft kein Interesse an der Tagespflege hat? Oder betrifft es diesen in dem Artikel namentlich erwähnten Achim Schwickert. Wer ist das überhaupt? Muss man ihn kennen? Oder handelt es sich mal wieder um einen politisch engagierten Wichtigtuer, der so gar keine Ahnung vor der Tätigkeit der Tagespflege oder gar der praktizierenden und nicht theoretischen Elternschaft hat?

Wer genau hat denn kein Interesse an der Tagespflege?
Die Gesellschaft? Die Politik? Die Eltern? Die Erzieher? Die Kinder?
Stellt sich diese Frage denn überhaupt? Gesetzlich sind wir Tagespflegepersonen doch mit der Kita gleichgestellt! Somit ist dieser Artikel bereits sehr schlecht recherchiert!

Auf dem Abstellgleis
Nur politisch stehen wir bereits auf dem Abstellgleis. Viele spüren es bereits. Politische Aussagen wie dieser Ausrutscher belegen die Richtung, in die es geht.  Noch darf man es nicht offen sagen! Noch lässt man sich die Hintertürchen mit Billigarbeitskräften offen. Doch sobald genug Betreuungsplätze vorhanden sind, werden wir systematisch abgeschafft. Wir werden toleriert, werden benutzt um eines Tages aufs Abstellgleis abgestellt zu werden.

Ist Tagespflege mit der Kita gleichgestellt?
Gesetzlich angeblich ja. Die Realität sieht aber anders aus!
In den meisten Regionen ist die Tagespflege zeitlich eingeschränkt, während in der Kita die Zeiten innerhalb der Öffnungszeiten zwischen 35 und 45 Stundenwoche (und selten auch die 25 Stundenwoche) frei wählbar sind. Damit stehen die geringfügig berufstätigen Eltern oft vor grossen Problemen.

In manchen Regionen wird die Tagespflege den Eltern als die teure Alternative verkauft. Dabei wird gerne verschwiegen, dass die Tagespflege wesentlich günstiger ist! Aber nicht für die Eltern, nicht für die Stadt, sondern für das Land! Dennoch ist ein Betreuungsplatz in der Tagespflege wesentlich günstiger, als ein gleichwertiger Platz in der Kita.
In manchen Regionen wird den Tagesmüttern verboten, Essensgeld zu nehmen. Das Essen muss dann von der Tagesmutter kostenfrei den Kindern zur Verfügung gestellt werden. Viele Tagesmütter zählen aber die gesamte Tagesversorgung angefangen vom Frühstück über Zwischenmahlzeiten, Mittagsversorgung bis hin zum Abendessen zu ihrem Konzept und legen gerade dabei grossen Wert auf eine besonders gesunde Ernährung in Bioqualität. Vieles davon muss in der Freizeit der Tagesmutter besorgt und manchmal auch vorgekocht werden. Dagegen sind in Kitas Zahlungen zum Mittagessen, geliefert von der Kantine völlig selbstverständlich. Das Mitbringen von Frühstück in der Brotdose, sowie Obstspenden und Abholen hungriger Kinder gehört zum Kitaalltag einer Vollzeitversorgung.

Hier sind nur einige Unterschiede erwähnt, die dringend nach Veränderung schreien! Doch noch viel schlimmer und diskriminierender ist die Tatsache, dass mancherorts die Eltern gezwungen werden einen angebotenen U-3Kitaplatz anzunehmen mit der Androhung, dass sonst der Betreuungsplatz bei der Tagesmutter nicht mehr finanziert wird.
Nicht ganz so offensichtlich gegen das Wahlfreiheitsrecht der Eltern wird an anderen Orten vorgegangen. Es steht zwar den Eltern frei, zu entscheiden, ob sie ihr U-3-Kind bei der Tagesmutter lassen, ABER einen Kitaplatz ab 3Jahre könnte man dann wohl nicht mehr erwarten.

Ganz besonders furchtbar finde ich den Satz: „Bei uns in der Großtagespflege werden derzeit die Türen eingerannt von den Eltern, die KEINEN Krippenplatz bekommen haben.“
Ist es tatsächlich so, dass alle Eltern in erster Linie einen Kitaplatz wünschen und die Tagespflege als zweite Wahl, als Notfalllösung nutzen, bis endlich der so begehrte Platz in der Kita frei wird?
So wird es uns politisch und von der Presse unterstützend verkauft!
Tatsächlich werden viele Tagesmütter ganz bewusst von Eltern ausgewählt. Und viele Kitas bieten ganz bewusst die Betreuung ab dem zweiten Lebensjahr an, obwohl den Kindern eine Betreuung ab dem ersten Lebensjahr zusteht.

Benötigt denn eine Tagesmutter keine Qualifikation?
Für die Tätigkeit der Tagesmutter benötigt man inzwischen eine Grundqualifikation. Selbstverständlich ist diese nicht zu vergleichen mit einem beinahe Pädagogigstudium einer Erzieherin. Der Anspruch an die Tätigkeit ist auch ein anderer. Die ursprüngliche Ausbildung einer Erzieherin bezog sich schliesslich auf die Altersstufe der 3-6-jährigen, während die Tagesmütter die Kleinkinder und Babys unter 3 Jahre betreuen, sowie die Randzeiten abdecken. Wie der umstrittene Name „Tagesmutter“ schon aussagt, handelt es sich hier eher um „mütterliche“ Aufgaben, die die Tagesmutter während der Arbeitszeit der Mutter übernimmt. „Erzieherin“ oder auch „Pädagogin“ klingt dagegen mehr nach einer in erster Linie lehrenden Aufgabe, auch wenn man den Bildungsauftrag einer Tagesmutter nicht unterschätzen sollte.

„Die Sätze müssen in Relation zur Entlohnung der ausgebildeten Erzieherin stehen“
So die Aussage in diesem Zeitungsartikel. Verständlich diese Überzeugung für jemanden, der von der Aufgabe keine Ahnung hat. Nur sind für eine fünfjährige Ausbildung Erzieherinnen bei weitem absolut unterbezahlt! Die Vergütung einer Tagesmutter mit einer unterbezahlten Erzieherin in „Relation“ zu setzen ist eine politische und menschliche Frechheit!
Woher kommt der Gedanke, dass Tagesmütter und Erzieherinnen nicht mehr verdienen, als sie bekommen?
Das ist ein gesellschaftliches Problem! Genau, wie alle anderen sozialen Berufe, werden auch die erzieherischen Berufe vorwiegend von Frauen ausgeübt! Trotz Alice Schwarzer und anderen emanzipierten Frauen ist es in Deutschland allgemein üblich, dass Frauen selbst innerhalb gleicher Qualifikation grundsätzlich weniger verdienen. Noch schlimmer finde ich, dass trotz der so langen Zeit nach der Wiedervereinigung, Menschen im Osten Deutschlands immer noch wesentlich weniger verdienen, als im Westen. Der Verdienst von Frauen des Ostens ist geradezu lächerlich! Insbesondere in typisch weiblichen, sozialen Berufen. Insbesondere innerhalb der Tagespflege sollte sich unsere Politik, angeführt von einer Ostfrau in Grund und Boden schämen! Da ist selbst ehrenamtliche Arbeit mehr wert! Aber ist nicht die aufwändige Aufgabe einer Mutter kostenfrei? Wieso fordern dann Tagesmütter überhaupt eine Bezahlung???

Was ist es denn, was Tagesmütter leisten?

Hier beschreibt eine Tagesmutter ihr Tätigkeitsfeld: „Die Tagesmutter ist Erzieherin, Krankenschwester, Köchin, Wäsche- und Reinigungsfachkraft, Nachhilfelehrerin, Computerfachfrau, Gärtnerin, Hausmeisterin, Chauffeurin, Psychologin und Unternehmenschefin in einer Person.“
Muss sich denn eine Tagesmutter für dieses Tätigkeitsfeld denn immer wieder dafür rechtfertigen, dass sie eine angemessene Entlohnung verlangt? Und genau deshalb  fühlen sich Tagesmütter zu gering geschätzt, die täglich grosse Leistung erbringen. Den Wert dieser Leistung kann nur jemand ermessen, wer diese verantwortungsvolle Aufgabe übernimmt. Nur entscheiden meistens nicht diese Menschen über den Wert der Leistung. Und die Entscheidungsträger haben meistens keine Ahnung!

Die wichtigsten Personen werden dazu gar nicht befragt: Die Kinder!

Ach ja, die können noch gar nicht viel sprechen! Und wenn schon, wen interessiert es denn, wenn sie doch noch nicht wählen können!
Schade eigentlich!
Denn dann würden wir Mütter, Tagesmütter und Erzieherinnen endlich das bekommen, was wir verdienen, und solche Dummschwätzer im Artikel müssten Hilfe zum Unterhalt beantragen!

Wie stehst du zu dem Artikel???
Trau dich deine Meinung zu sagen!

 

 

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